Aktueller Stand sozialwissenschaftlicher Erhebungen im Teilprojekt: „Miniaturisierter Körpergeruchssensor“

Ziel des ersten Teils der sozialwissenschaftlichen Forschung im AAL- Projekt: „Miniaturisierter (körpernaher) Körpergeruchssensor“ ist es, mittels empirischer Erhebungen einen möglichst breiten Einblick in die Lebensweise und die Bedarfe von Menschen zu bekommen, die unter Inkontinenz leiden und deren Haltungen und Erfahrungen sowie deren  Kontakt- und Pflegepersonen nachzuzeichnen. Vor diesem Erfahrungshintergrund sollen gegebenenfalls bestehende Erwartungen, Wünsche, Bedürfnisse und Möglichkeiten der Befragten in Hinsicht auf den Einsatz einer Geruchssensorik in eine technische Umsetzung überführt werden.

 

Nach einer ausgiebigen Sondierung des potenziellen Nutzerfeldes bei Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften stehen mittlerweile folgende drei Nutzergruppen im Mittelpunkt der Erhebungen:

 

a)    Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung.

b)    Weitgehend selbständig lebende Menschen mit körperlicher Behinderung und/oder chronischen Erkrankungen (bspw. Menschen nach Darm- oder Blasenkrebsoperationen).

c)    Menschen im Alter (vor allem hochaltrige Menschen mit Demenz).

 

 

Bei diesen drei potenziellen Nutzergruppen, welche nach der ersten Sondierung im Fokus der Erhebungen stehen, wurden qualitative und quantitative Daten erhoben und anonymisiert ausgewertet. Der Bedarf von potenziellen Nutzergruppen, welche aufgrund von Krankheit bzw. Behinderung an den freiwilligen Erhebungen nicht selbst teilnehmen können wird über die Befragung von Familienangehörigen (hochaltrige Menschen, häufig mit Demenz)  bzw. Fachkräften (Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung) erhoben.
Die Feldeinrücke lassen auf folgende Bedarfe schließen:

 

a)    Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung:

Je nach Alter und Art der Behinderung sind 50 bis 70% der Menschen dieser potenziellen Nutzergruppe inkontinent. Für diese mögliche Nutzergruppe erkennen Fachkräfte, welche im Bereich der Behindertenhilfe arbeiten, zwei erste Einsatzmöglichkeiten für einen Geruchssensor.  
Inklusion am Arbeitsplatz bzw. in der Schule:
Häufig ist die Inkontinenz und die damit verbundenen Gerüche sowie die damit einhergehenden Versorgungsnotwendigkeiten ein Hemmnis für weitergehende Schritte der Inklusion (z.B. am nicht geschützten Arbeitsplatz oder in der inklusiven Schule). Die Mehrheit der Betroffenen ist auf eine Detektion ihres Hygienebedarfs durch dritte Personen angewiesen. Die Hygieneversorgung ist in diesen Kontexten immer auch verbunden mit bei fachlichem Hilfebedarf und mit räumlichen Voraussetzungen für eine Hygieneversorgung. Voraussichtlich können diese Nutzergruppe und die Angehörigen sowie Fachpersonal der Behindertenhilfe von einer technischen Geruchssensorik profitieren. Allerdings sind häufig die Rahmenbedingungen wie barrierefreie Hygieneräume und Hygieneassistenz noch nicht ausreichend gesichert, um Inklusion tatsächlich zu ermöglichen. Ein Feldtest in Phase 2 der Forschung könnte daher ebenfalls ausschließlich in Sondereinrichtungen mit den strukturellen Voraussetzungen (von baulicher und auch personeller Seite)  erfolgen. 
Nächtliche Hygieneversorgung:
Fachkräfte der Behindertenhilfe sehen auch in der nächtlichen Hygieneversorgung Bedarf, direkt und schnell über die Pflegenotwenigkeit von Menschen mit Behinderung informiert zu werden, um umgehend Pflegemaßnahmen einzuleiten. So kann die Würde der Personen geschützt, Gesundheitsrisiken prophylaktisch vorgebeugt und zum anderen eine durch die zeitnahe Pflege das Risiko für Spielen mit Ausscheidungen und Inkontinenzmaterialien reduziert werden. Hier sind sowohl körpernah angebrachte miniaturisierte Geruchssensoren, als auch am Bett angebrachte Sensoren für einen Feldtest denkbar und interessant.

 

b)    Weitgehend selbständig lebende Menschen mit körperlicher Behinderung  und/oder chronischen Erkrankungen

Exemplarisch: Menschen nach Darm- oder Blasenkrebs mit einem künstlichen Ausgang (Stoma-Träger)
Aus den Erhebungen wird deutlich, dass beispielsweise Stoma-Träger einen hohen Leidensdruck durch austretende Gerüche benennen. Damit verbunden ist eine gewisse Furcht diese Gerüche selbst nicht frühzeitig d.h. vor den Mitmenschen zu erkennen und durch Hygieneversorgung reduzieren zu können. Prospektiv werden daher mit einer mobil und flexibel einsetzbaren, hoch sensiblen Geruchssensorik positive Wertzuschreibungen verbunden. So kann es als Absicherungssystem: „neutrale Riechinstanz“, die ohne den  Einbezug weiterer Menschen den Betroffenen Auskunft (warnend/beruhigend) über das eigene „Geruchsbild“ gibt, fungieren.  Durch diese Auskunft kann das Selbstverstrauen betroffener Menschen gestärkt und die soziale Teilhabe erleichtert bzw. ermöglicht werden. Ebenso verdeutlichen die Befragten die Furcht vor Risiken, welche mit dem Einsatz eines Sensors einhergehen verdeutlicht. Dies sind beispielsweise Stigmatisierung, die Furcht vor der Enttarnung als „Geruchsträger“; der Zweifel an der Zuverlässigkeit der Technik („trügerisches Gefühl der Sicherheit“); die Angst eine  Abhängigkeit bzw. einen Kontrollzwang zu entwickeln und die Befürchtung, dass im schlimmsten Fall auf Grund einer häufigen objektiven Signalisierung von Gerüchen die psychische Stabilität von Betroffenen gefährdet wird und sozialer Rückzug folgt. Die Respondentengruppe äußert zum einen deutliches Interesse an einer Entwicklung, wenngleich sie durch kritische Aussagen deutlich werden lässt, dass eine solche Entwicklung auch mit Verantwortung für etwaige psychische Folgen beim Nutzer einhergehen.

 

c)    Menschen im Alter (bspw. Menschen mit Demenz):

Familienangehörige von Menschen, die im Alter unter Inkontinenz leiden, stehen einer frühzeitigen Geruchsindikation und Meldung als Mittel zur verbesserten Hygieneversorgung und somit einer technischen Entwicklung in diesem Pflegebereich positiv gegenüber. Sie sehen als prospektiven Vorteil, dass ein Sensor, vor allem Personen, welche sich verbal nicht (mehr) äußern können, „Stimme verleihen“ kann. Sie können sich vorstellen, dass eine Reduktion von Hygienekontrollen und die Reduktion von Verweildauer in eingenässten oder eingekoteten Inkontinenzmaterialien zum Schutz von Würde und Privatsphäre beitragen können. Sie nehmen an, dass die Zeitspanne zwischen Inkontinenzereignis und der Hygieneversorgung verkürzt wird und auch, dass der Hygienebedarf objektiviert wird. So können möglicherweise  konfliktträchtige und beschämende Situationen, in denen dem von Inkontinenz Betroffenen mitgeteilt werden muss, dass Pflegebedarf besteht reduziert werden. Nicht zuletzt wird die Chance einer Gesundheitsprophylaxe gesehen. Aber auch Ängste und negative Wertzuschreibungen sind mit dem Einsatz eines Geruchssensors prospektiv verbunden, so befürchten die Respondenten, dass ein Sensorik-Einsatz in der professionellen und professionell unterstützten Pflegepraxis nicht realisierbar ist. Vor dem Hintergrund von Zeit- und Personalmangel, sei der Einsatz eines Geruchssensors in der Pflegepraxis unrealistisch. Sie warnen ebenso vor einer Reduktion an persönlichen Kontakten zwischen Gepflegten und Pflegenden sowie vor einer Stigmatisierung durch auffällige Geräte oder einem auffälligen Signal. Für den Einsatz eines miniaturisierten Geruchssensors, ist das Ergebnis, dass die Mehrheit der Respondenten, davon ausgehen, dass die betroffenen Menschen, einen körpernahen Sensor ablehnen oder sogar demontieren, äußerst wichtig. Durch diese Aussage kann ein Feldtest mit einem körpernahen Gerät bei dieser potenziellen Nutzergruppe vorerst zurückgestellt werden.

 

In weiteren Arbeitsschritten wird das Forschungsfeld weiter eingegrenzt, Ergebnisse vertieft und das Feld auf den Einsatz der Prototypen vorbereitet.