Teilprojekt 5

 

Person centered environment for information, communication and learning (PCEICL)

 

Kooperation: HFU, KHF

Projektleitung: Prof. Dr. Christoph Reich (HFU), Prof. Dr. Maik H.-J. Winter (HRW)

 

Ziel: Entwicklung einer Informations-, Kommunikations- und Lernplattform für ältere Menschen

 

Viele Ambient Assisted Living (AAL) Lösungen konzentrieren sich ausschließlich auf die Sicherheit alleinlebender, älterer Menschen. Ein Problem, das dabei oft außer Acht gelassen wird, ist die soziale Isolation. Je nach Lebenssituation sind damit unterschiedliche Herausforderungen auf mehreren Ebenen verbunden. Älteren Menschen fällt es nicht selten schwer, wichtige Informationen selbst zu ermitteln, Kontakte zu pflegen oder in gesundheitlich schwierigeren Zeiten notwendige Unterstützungsleistungen zu organisieren. Dies gilt umso mehr, wenn es keine Angehörigen oder nahe stehenden Personen gibt, die in der Lage sind hier zur Seite zu stehen. Die Plattform PCEICL (Person Centered Environment for Information, Communication and Learning) unterstützt ältere Menschen bei der Kommunikation, bei der Informationsbeschaffung und beim Lernen und ermöglicht es ihnen somit, länger selbstständig in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung bleiben zu können und dabei ihre sozialen Kontakte zu erhalten oder sogar zu erweitern.

 

Die PCEICL Plattform stellt dem Benutzer Dienste zur Verfügung. Alle Dienste der Plattform können individuell für jede Person nach Bedarf zusammengestellt und konfiguriert werden. PCEICL basiert auf einer Kombination aus OSGi, Agenten und Cloud Technologien) und ist dadurch sehr flexibel, modular und intelligent [1]. Durch den Einsatz von OSGi, das bei Assistenzsystemen im AAL-Bereich weit verbreitet ist, können leicht bestehende aber auch neue Dienste in die Plattform integriert werden. Um die angebotenen Dienste optimal auf die Bedürfnisse der einzelnen Person anpassen zu können, wird zu jeden Benutzer ein Profil angelegt. In diesem Profil werden persönliche Informationen, Interessen, Vorlieben, Fähigkeiten und auch der gesundheitliche Zustand der älteren Person gespeichert. Die Daten werden semantisch durch eine Ontologie [2] modelliert, die von den Agenten genutzt werden kann, um den jeweiligen Diensten die benötigten Informationen über den Benutzer bereitzustellen. Zusätzlich nutzt die PCEICL Plattform Umgebungsinformationen als Kontext, um eine noch bessere Adaption zu erreichen (s. Abb. 1).

 

Um die Personalisierbarkeit und Kontextsensitivität des Systems beispielhaft zeigen zu können, wurden drei Nutzerszenarien, sogenannte Use Cases (Information, Kommunikation und Lernen) entwickelt, anhand einer Probandenbefragung in Zusammenarbeit mit der HRW (Teilprojekt 6) evaluiert und prototypisch umgesetzt (s. Abb. 2). Assistenz bei der Informationsbeschaffung wird durch die Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben in schwierigen gesundheitlichen Phasen (z.B. nach einem Sturz) durch automatische Organisation von Haushaltshilfen oder Transporten zu Terminen erreicht. Außerdem kann das System dem Benutzer kommunale Veranstaltungen passend zu seinen Gewohnheiten und Interessen anbieten und falls nötig, eine Mitfahrgelegenheit zu diesen Veranstaltungen suchen.

Die Kommunikation wird dadurch erleichtert, dass die ältere Person dem System lediglich mitteilen muss, mit wem sie Kontakt aufnehmen möchte. Die Plattform wählt dann automatisch den Kanal aus, auf dem der Kontakt zu dem jeweiligen Zeitpunkt bevorzugt erreichbar ist. Das System hat außerdem Informationen über die diensthabenden Apotheken, zuständigen Pflegedienste und auch über die Notfallkontakte des Benutzers und kann auch hier automatisch den richtigen Kanal wählen.

Im dritten Use Case wird der Benutzer mit personalisierten Fitnessübungen unterstützt. Dabei werden Übungen passend zum gesundheitlichen Zustand, dem momentanen Befinden und dem Fitnessgrad des Benutzers angeboten.

 

Zur bedarfsgerechten Gestaltung des Systems fand vor der technischen Umsetzung eine Nutzerintegration potentieller Anwender in Form einer Bedarfsanalyse statt. Dies geschah, um ein sozial und situativ eingebettetes und adaptierbares System zu erhalten. Im Gegensatz zu vielen bisherigen Forschungsprojekten sieht die PCEICL-Plattform den Benutzer und seine Bedürfnisse als zentralen Kontext, betrachtet gleichzeitig aber auch seine Umgebung. Die Bedarfsanalyse erfolgte interdisziplinär durch die technische und sozialwissenschaftliche Arbeitsgruppe in Form einer leitfadengestützten Fokusgruppe. Hierbei wurden 13 Personen im Alter von 67-79 Jahren befragt (9 weiblich, 4 männlich; 8 alleinlebend, 5 mit Partner/in; 13 mittel und höher Gebildete).

Zwei der Nutzerszenarien wurden einer Seniorengruppe vorgestellt, um eine prospektive Nutzerbewertung hinsichtlich Relevanz, Nutzen, Vollständigkeit und Anwendungsanforderungen zum System zu erhalten sowie damit verbundene erwartete Chancen und Risiken (u.a. soziale, ethische, rechtliche Fragen).

Ein zentrales Ergebnis ist die Notwendigkeit, einer erleichterten Anwendung bei unterschiedlichen Informations- und Kommunikationstechnologien. Vor allem auch im Hinblick auf funktionelle Einschränkungen im Alter.

Weiter zeigen sich insbesondere bei technikfernen bzw. –kritischen Personen Verständnisprobleme hinsichtlich der Anwendung des Systems und dem möglichen Nutzungsspektrum. Diese Personen fokussieren überdies stark auf mögliche Risiken im Zusammenhang mit dem System. Ebenso werden insbesondere Themen wie der Verlust kognitiver Ressourcen, Verstärkung von Isolation, Gefahren aus dem Internet, Fragen zur informationellen Selbstbestimmung sowie Datenschutzprobleme thematisiert.

Die potentiellen Nutzer äußern des Weiteren den Wunsch, die exemplarisch vorgestellten Use Cases um Themenbereiche zu erweitern. Exemplarisch werden hier (nächtliche) Sicherheit, Gesundheitsdaten, Einbezug regionaler Informationen und Angebote, Handel, Bürgergruppen und Dienste artikuliert.

Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem System halten die potentiellen Nutzer für wesentlich, um es bei einsetzender Pflege- und Hilfsbedürftigkeit anwenden zu können. Weitere potentielle Chancen werden im erleichterten Zugang zu moderner Technik (besonders für bisher technikferne Frauen) gesehen. Die Erweiterung von Kontaktmöglichkeiten, die Einbindung in regionale, formelle und informelle Angebote und Strukturen, Hilfe und Organisation bei Unterstützungs- und Pflegebedarf sowie Sicherheitsaspekte werden ebenfalls als Chance eingebracht.

Zur Umsetzung sowie Akzeptanz des Systems scheint eine einfach verfügbare Unterstützungsstelle als überaus bedeutsam.

 

Um den Bedarf sowie die Bedürfnisse älterer Menschen sowohl in der dritten als auch insbesondere der vierten Lebensphase befriedigen zu können, scheint das System PCEICL ein aussichtsreiches technisches Unterstützungspotential zu besitzen. Insbesondere im Hinblick auf Kommunikation sowie Information und den daraus resultierenden Möglichkeiten.

In einem nächsten Forschungsschritt findet im Juni 2015 ein Test mit dem Prototypenmit der weiterentwickelten Software des Systems statt. Für diesen Test konnten die bereits bekannten Diskussionsteilnehmer der Fokusgruppe aktiviert werden, welche mit Hilfe eines Tablet Computers die Software kennenlernen und ausprobieren dürfen. Anhand zweier Szenarien werden im Anschluss der Prototyptests Anwendbarkeit, Verständlichkeit und Vor-/Nachteile in Form von leitfragengestützten Einzelinterviews evaluiert und die Ergebnisse der zweiten Befragung mit den ersten Diskussionsergebnissen vergleichen.

 


[1] H. Kuijs, C. Rosencrantz und C. Reich, „A Context-aware, Intelligent and Flexible Ambient Assisted Living Platform Architecture,“ in CLOUD COMPUTING 2015: The Sixth International Conference on Cloud Computing, GRIDs and Virtualization (IARIA), 2015.

 

[2] C. Fredrich, H. Kuijs und C. Reich, „An Ontology for User Profile Modelling in the Field of Ambient Assisted Living,“ in SERVICE COMPUTATION 2014: The Sixth International Conferences on Advanced Service Computing (IARIA), 2014

 

 

Abbildung 1: Kontextsensitivität der PCEICL Plattform
Abbildung 2: Prototypische Umsetzung der Use Case auf einem Android Tablet