Teilprojekt 4

 

IT-gestützte Situationserkennung, Kommunikation und Intervention: Entwicklung geeigneter Systeme zur Informationsanalyse, Interventionsmechanismen und deren Überführung in Unterstützungsdienstleistungen

 

Kooperation: HFU, HRW, KHF

Projektleitung: Dr. Ing. Christophe Kunze (HFU)

 

In Lebensumgebungen eingebettete Sensorik und Systeme zur Analyse von Bewegungs- und Verhaltensmustern sind prinzipiell dazu geeignet, Gefahrensituationen und Zustandsveränderungen zu erkennen und so das Sicherheitsbedürfnis von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen zu erfüllen. Hierzu können bestehende Systeme aus der Gebäudeautomatisierung und der Hausnotruftechnik oder innovative Sensorik (siehe Projekt 3) eingesetzt werden. Entsprechende Lösungsansätze wurden in den vergangenen Jahren in der Forschung intensiv untersucht. Inzwischen sind auch etliche ambiente Monitoringsysteme am Markt verfügbar, die Pflegenden Informationen über Ereignisse und Gefahrensituationen zur Verfügung stellen sollen. Dabei unterscheiden sich die Systeme in der Architektur und Benutzerschnittstelle zum Teil erheblich. Gemeinsam ist den heute verfügbaren Lösungen, dass es nur wenig Informationen zur genauen Funktionsweise (z.B. Algorithmik) und praktisch keine Untersuchungen zu Auswirkungen auf Pflegeprozesse gibt.

 

Ziel: Um den Betroffenen einen echten Mehrwert zu bieten, müssen die von instrumentierten Umgebungen erfassten Informationen (i.d.R. eine Vielzahl von Einzelereignissen technischer Sensoren, wie Ein- und Ausschalten eines Verbrauchers oder Aktivierung eines Bewegungsmelders) zunächst

 

a) durch Analysen in einen für die Betreuungspersonen verständlichen und Situations- und Bedeutungskontext gebracht und

 

b) auf geeignete Weise zugänglich und in bestehende oder zukünftige Versorgungsprozesse eingebracht werden.

 

Ziel des Teilprojektes ist es, geeignete Systeme und Verfahren zur Informationsanalyse und Interventionsmechanismen zu entwickeln und diese in Unterstützungsdienstleistungen zu überführen, die in der Praxis umsetzbar sind (Abb.1). Hierzu werden auf Basis von gemeinsam von technischen und sozialwissenschaftlichen Forschungspartnern durchgeführten Anwender-Workshops und Feldstudien entsprechende Lösungsansätze untersucht werden.

 

Ergebnisse und Ausblick: In einem ersten Schritt wurden in einem Workshop Anforderungen an IT-gestützte Situationserkennung, Kommunikation und Intervention sowie notwendiger Unterstützungsbedarfe aus Sicht von Pflegenden erhoben. Angehörige erhoffen sich durch die Anwendung von AAL-Technologien eine Unterstützung bei der Pflege und Betreuung, Hilfen bei der Koordination der pflegerischen Tätigkeiten und Unterstützung im Bereich der Kommunikation mit den alten Menschen und mit den sie vor Ort betreuenden Institutionen. Dem Pflegepersonal geht es um die Erleichterung seiner Arbeit und um die Steigerung der Pflegeeffizienz, bzw. die Minimierung administrativer Arbeitsanteile.

 

 

Um beispielhaft Unterstützungsbedarfe im häuslichen Pflegesetting aus Sicht von Pflegekräften und pflegenden Angehörigen abbilden zu können, wurden mit ambulanten Pflegekräften (n=13) und pflegenden Angehörigen (n=11) jeweils problemzentrierte Gruppendiskussionen durchgeführt.

Die wissenschaftlichen Fragestellungen fokussieren Möglichkeiten zum Einsatz von Monitoringsystemen, Einschätzung der Anwendungsbereitschaft, Ressourcen und Probleme.

 

Ein zentrales Ergebnis aus der Gruppendiskussion mit den Pflegefachkräften ist die positive Bewertung von AAL Systemen zur Unterstützung im Pflegealltag. AAL-Techniken können dazu beitragen Abläufe besser zu strukturieren, koordinieren, optimieren und individualisieren. Besonders eine potentielle Zeitersparnis wird dabei herausgestellt. Als kritisch bewerten die Fachkräfte die Informationsfülle, die ein Monitoringsystem erfassen kann. Dadurch können für die Pflegekräfte zusätzliche Aufgaben entstehen. Zudem bestehen ethische Bedenken aufgrund der Erfassung einer Vielzahl von Informationen womit ein zusätzlicher Eingriff in die Privatsphäre vollzogen wird. Daraus resultierend werden eine Informationsselektion sowie die Stärkung der informationellen Selbstbestimmung als wichtig eingeschätzt.

 

Die pflegenden Angehörigen betonen hauptsächlich den Sicherheitsaspekt durch ein Monitoringsystem. In Notfallsituationen könnte schnelle Hilfe folgen. Angehörigen von Menschen mit Weglauftendenz könnten in ihrem Sicherheitsgefühl gestärkt werden. Des Weiteren werden aus ihrer Sicht Monitoringssysteme als Möglichkeit zur Unterstützung der ambulanten Pflege angesehen, besonders für den Zeitraum zwischen den ambulanten Pflegeeinsätzen. Darüber hinaus könnte der Technikeinsatz dabei unterstützen soziale Kontakte über weite Entfernungen zu erhalten. Zudem stellen die Angehörigen heraus, dass der Technikeinsatz zeitliche Ressourcen schafft und sich dadurch Handlungsspielräume erweitern. Als kritisch bewerten auch die pflegenden Angehörigen eine Überwachung durch das System, da ein Eingriff in die Privatsphäre vorgenommen wird. Sie sehen dabei eine Einschränkung des freien Willens seitens der zu pflegenden Person. Angehörige schätzen sich selbst sowie die Pflegebedürftigen als eher technikfern ein. Insgesamt besteht tendenziell Skepsis gegenüber technischen Neuerungen. Vielmehr scheint eine höhere Akzeptanz gegenüber weniger umfassenden Systemen zu bestehen, bspw. ein Einsatz von Bewegungsmatten im Bad.

 

In einem nächsten Schritt sollen verfügbare Systeme charakterisiert und analysiert werden. In einer Marktrecherche wurden 18 kommerziell verfügbare ambiente Monitoring-Lösungen identifiziert, die jedoch nur zum Teil in Deutschland verfügbar sind. Für eine vergleichende Untersuchung wurde ein Testaufbau in der Experimentalumgebung Future Care Lab der HFU realisiert, in dem 5 ambiente Monitoringsysteme zur Charakterisierung und vergleichenden Analyse parallel installiert wurden. Mit Hilfe des Testaufbaus können in szenariobasierten Tests vordefinierte Situationen und Ereignisse sowie die jeweiligen Reaktionen der Systeme analysiert werden.

 

Auf Basis der so erzielten Ergebnisse werden im weiteren Verlauf des Projektes Prozesse, Algorithmen und Darstellungsmechanismen entwickelt, wie eine optimale Unterstützung von Pflegenden erfolgen kann.

 

 

Abb. 1: Struktur zukünftiger häuslicher Monitoringsysteme